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„Michael Phelps - der Übermensch?“

Fassungslos starrte Thomas Rupprath nach dem Finale über 100m Schmetterling auf die Anzeigetafel. War er gegen Außerirdische geschwommen?

Mit fünf Weltrekorden, allein zwei am 25. Juli dieses Jahres unmittelbar hintereinander, ist der achtzehnjährige Michael Phelps (USA) der Ausnahmeschwimmer der Weltmeisterschaft 2003 in Barcelona. Nun war er bis dato als Weltmeister 2001 über 200 m Schmetterling sowie Weltrekordhalter über die gleiche Strecke und 400 m Lagen nicht unbekannt, aber was er in Barcelona zeigte, ließ auch manch abgebrühten Schwimmerling staunen. Was ist das Besondere an dem Schwimmer aus North Baltimore? Eine Veröffentlichung seines Trainers Bob Bowman in „Swimming-Technique“ vom 4.01.03 sowie die Wettkampfanalyse von Barcelona geben Auskunft.


Phelps - das Talent

Bereits mit 10 Jahren schwamm Michael P. NAG-Rekorde. Auch seine Schwestern waren Schwimmerinnen, die ältere nahm an den WM 1994 in Rom teil und hält heute noch den Rekord in der AK11-12 über 100m Delphin. Mit 1,90 m Körperhöhe, einem Broca-Index von 7, den langen Extremitäten und hervorragender Beweglichkeit im Schulter- und Fußgelenk verfügt er über herausragende körperliche Voraussetzungen für Schwimmen. Eine Ursache liegt also in der Erbmasse eine weitere in der beachtlichen Unterstützung durch das Elternhaus.

Phelps - der harte Trainierer

Im Gegensatz zu den meisten jungen Schwimmern war er als kleiner Junge bereits sehr engagiert. Heute lobt sein Trainer die „professionelle Ein-stellung ohnegleichen“. Besonders hochklassige Wettkämpfe stimulieren ihn. Ein gutes Beispiel war seine Reaktion auf den Weltrekord von Serdinow im ersten Halbfinale in Barcelona. Mit 51,47 sec hatte Michael P. diesen ~10 Minuten später verbessert. Bowman führt kritisch an, daß Michael P. ungefähr einmal in sechs Wochen (!) ‚seine Tage’ hat, wo er müde ist.... Für viele unserer Schwimmer/innen unvorstellbar.

Typisch sei für Michael Phelps die gute Sommerform. Im Herbst wird Umfang gemacht (64-73 km/Woche), dazu 6x30~45 Minuten an Land. “Feintuning“ ist noch nicht gefragt. Hierüber sollten einmal unsere Spezis nachdenken, die bereits von der Kurzbahn - EM an übers ganze Jahr „Gas geben“. Bei Michael P. stehen erst einmal die Leistungsgrundlagen (Kraft und Ausdauer) im Vordergrund. Stolz verweist sein Trainer auf 5000 Yards (4572m) Kraul, die Michael in 46:34 min geschwommen hat (das sind 1500 m <15:30 min!). Wenn uns dann der Mund offen stehen bleibt, wie man nach 0:51,10 min über 100 m Schmetterling noch mit 1:56,04 min einen phantastischen Weltrekord über 200m Lagen hinlegen kann, dann sollten wir uns dieser Ausdauergrundlage erinnern. Das insbesondere, da die Zahl der Schwimmer/innen, die in unserem Lager mehrere Starts nicht mehr verkraften, kontinuierlich zunimmt.

Zyklusweg (m/Zyklus)   v x m/Zyklus)  
Disziplin M.Phelps Finale M.Phelps Finale
200S 2,16m   2,07m   3,65   3,45  
100S 2,19m   1,99m   4,05   3,68  
200L 2,39m 2,20m   4,01   3,56
400L 2,38m 2,20m 3,66 3,33

Phelps - der exzellente Techniker

Bereits in seinen ersten Trainingsjahren hatte Michael P. pro Woche eine Technikstunde. Barowman erinnert sich, wie er den kleinen Michael einmal aus dem Wasser holte und ihm sagte, daß seine Technik eines Tages zum Weltrekord reiche, er müsse nur noch hart trainieren.

Michael P. gehört zu den wenigen Superschwimmern, für die das Wasser Balken zu haben scheint, an denen sie sich abdrücken, unsere Biomechaniker sprechen vom „Stütz“. Dieses Wassergefühl gepaart mit seiner Hebellänge und Beweglichkeit führt dann zu dem beeindruckenden „Rutsch“ oder auch hier biomechanisch betrachtet zu den extrem langen Zykluswegen und in Verbindung mit der Zeit zum hohen Strokeindex (s.Tab.). Beeindruckend, wie Michael P. über 400 m Lagen trotz des aufrückenden Cseh sein Rennen in ruhigen, langen Zügen zu Ende und damit zum Weltrekord schwamm (Cseh auf der letzten Bahn eine Frequenz von 45 bzw. einem Zyklusweg von Æ2,22 m, Michael Phelps von 37,5 bzw. Æ2,66 m). Bei Michael P. kommt also alles zusammen: eine hervorragende Technik, ausgereifte Kondition und starker Wille. Aber er ist kein Übermensch, über 100m Schmetterling wurde er hinter Crocker zweiter und mußte diesem seinen Weltrekord überlassen. Michael Phelps ist also auch nur ein Mensch. Das macht ihn nur noch sympathischer.

Müssen wir nun nach Baltimore fahren, um zu sehen wie trainiert wird? Interessant wäre das schon, aber eine Reise nach Erlangen oder Magdeburg tut es auch erst einmal.

Abermals fassungslos starrt Thomas Rupprath am letzten Tag der Weltmeisterschaft auf die Anzeigetafel: 24,80 Sekunden für 50 m Rücken. Weltrekord für einen ehrgeizigen und fleißigen Schwimmer - aber diesmal aus Neuss / Germany!  

Dr. Klaus Rudolph

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